70 Jahre Loge „Ver Sacrum“ – Bilanz und Auftrag

70 Jahre Loge „Ver Sacrum“ – Bilanz und Auftrag

24. Oktober 2019 Hans-Hermann Höhmann

Foto: Doris Oberfrank-List / Adobe Stock

Die Loge „Ver Sacrum“ – vor siebzig Jahren als Deputationsloge der Loge „Zum Ewigen Dom“ entstanden – wollte von Anfang an junge und jung gebliebene Menschen als Brüder und Freunde in einer zukunftsorientierten Freimaurerei miteinander verbinden.

Köln. Vertreter einer einerseits durch Krieg, Niederlage und Naziherrschaft desillusionierten, andererseits dennoch hoffnungsfrohen Generation fanden sich in ihr zusammen.

Die Idee des Aufbruchs fand ihren Ausdruck auch im gewählten lateinischen Logennamen, der auf eine altrömische Legende zurückgeht: Eine Stadt wird von tödlichem Un­heil bedroht. Um verschont zu werden, versprechen die Einwohner, den Göttern die nächste Generation junger Menschen zu opfern. Die Götter verzichten auf dieses Opfer, verpflichten aber die Jugend der Stadt zum Aufbruch aus den alten Mauern und zur Errichtung einer neuen Siedlung.

Wie viele Gestaltungsvorschläge für die neue Loge geht auch der Name „Ver Sacrum“ auf den großen Anreger der Bauhütte, Br. Rudolf Jar­don zurück, der sich bei der Namenswahl vermutlich auch an der gleichnamigen Zeitschrift der Wiener Sezession orientierte, einer Vereinigung von Künstlern, die – wie die junge Loge – eigene und zugleich neue Wege gehen wollte. Auch die Gestaltung des Logenbijous durch Br. Jakob Bachem weist mit ihrem eleganten Jugendstildesign auf den Wiener Anstoß hin.

Die Loge „Ver Sacrum“ hat versucht, den mit ihrem Namen formulierten Auftrag zu erfüllen. Ihre überzeugende humanistische Konzeption und der stete Wechsel in der Logenführung, den das Hausgesetz vorsieht, vermittelte der Loge immer wieder neue Impulse für die Gestaltung ihrer Arbeit.  

Die innere Arbeit der Loge wurde und wird durch eine kreative Pflege des freimaureri­schen Rituals geprägt. Das von Br. Rudolf Jardon bereits vor Gründung der damaligen „Vereinigten Großloge von Deutschland“ auf der Grundlage bestehender Ritu­ale (vornehmlich des Rituals der Großloge „Zur Sonne“ in Bayreuth) erarbeitete Ritual des Lehrlings-, Gesellen- und Meistergrades vermittelt auf überzeugende Weise, was ein freimau­rerischen Ritual zu leisten vermag:

Ruhe und Nachdenklichkeit zu fördern,

ethische Erziehung durch Symbole und rituelle Handlungen zu bewirken,

Entwicklung und Veränderung durch gemeinsamen Mitvollzug der Initia¬tion neuer Brüder und anderer „Übergangsriten“ (Beförderungen in den Gesellen- und Erhebungen in den Meistergrad) erfahrbar zu machen,

Impulse zur Auseinandersetzung mit menschlichen Grenzerfahrungen wie insbesondere dem Tod zu vermitteln.

Zu den Grundlagen der Loge „Ver Sacrum“ gehört auch die im Hausgesetz festgelegte Be­schränkung der Mitgliedschaft auf die alten symbolischen Grade Lehrling, Geselle und Meis­ter. Diese Entscheidung, auf der „Freimaurerischen Ordnung“ der Großloge beruhend und im Gestaltungsrecht der Loge als dem zentralen Ort der freimaurerischen Initiation begründet, behindert in keiner Weise den brüderlichen Einklang mit Brüdern und Logen, die mehrgliedrige freimaurerische Systeme bearbeiten. Die Konzentration auf die freimaureri­schen Grundgrade ist im Verständnis der „Ver Sacrum“-Brüder positiv, nicht negativ oder ab­grenzend bestimmt:

Sie ist Ausdruck der Überzeugung,

  1. dass die im Lehrlings-, Gesellen- und Meistergrad thematisierten und symbolisch-dramatisch ausgestalteten Grundbefindlichkeiten des Menschen vom Leben bis zum Tode den symbolischen Reichtum des Bundes bestimmen,
  2. dass das auf menschliche Grenzerfahrungen ausgerichtete archaische Ritualgut der drei freimaurerischen Basisgrade unverändert aktuell ist und nicht in Konflikt zu sich wandelnden Geschichtsbildern und Glaubensvorstellun¬gen geraten können,
  3. dass es das „System der drei Grade“ erlaubt, ein kreatives, symbolisch und emotional verzweigtes Ritualerleben in konzentrierte, beständig wiederkehrende Formen zu fassen,
  4. dass die für alle Brüder gleiche Initiationsgrundlage vom Lehrling über den Gesellen zum Meister die Homogenität der Logengruppe bewahrt und vor Konflikten schützt,
  5. dass das auf den drei Basis-Graden beruhende Logensystem jederzeit als Modell für eine Ordnung gelten kann, die gemäß demokratischer und pluralistischer Maßstäbe „in der profanen Welt“, d.h. im Leben der Gesellschaft, reproduziert werden könnte.

Die praktizierte Ernsthaftigkeit des Ritualvollzugs schloss auch Gespräche im Tempel ein. Br. Rudolf Jardon führte eine Form der Tempelarbeit ein, die er damals „Collegium Masonicum“ nannte und bei der nach der Öffnung der Loge die rituelle Logenordnung aufgehoben wurde, um in fester gedanklicher Ordnung und besonnener Sprache Themen zu erörtern, die meist den rituellen Kontexten der Freimaurerei entnommen waren. Diese Praxis, jetzt „Freimaurerische Werkstatt“ genannt, wird bis heute weitergeführt.

Die rituelle Öffnung der Loge korrespondierte mit der Öffnung der von den Brüdern – oft in Anwesenheit von Gästen und Suchenden – vorgenommenen thematischen Öffnung der Gesprä­che für Fragen zum Zeitgeschehen und seinen materiellen, ideellen und gesellschaftlichen Grundlagen. So gab es bereits in den sechziger Jahren eine Vortragsreihe „Humanität und Unmenschlichkeit in Deutschland“, im Rahmen derer Fragen wie „Gastarbeiter oder Fremdarbeiter? – Zur Integration von Ausländern in Deutschland“, „Umweltschutz als politische Aufgabe“ und „Notstand im deutschen Gesundheitswesen“ behandelt wurden. Landtagspräsident Wilhelm Lenz, Bundesinnenminister Gerhard Baum, Staatssekretärin Katharina Focke, Bundesjustizminister Wolfgang Stammberger sowie der hessische Justizminister Johannes Strelitz (die beiden letzteren Freimaurer) sprachen über Grundfragen von Politik und freier Gesellschaft.

In einer Vortragsreihe „Freimaurerei von außen gesehen“ sollte – so hieß es in der Ankündigung – „von der üblichen freimaurerischen Selbstbestätigung abgegangen und kritischen Beobachtern außerhalb unseres Bundes (Vertretern von Wissenschaft, Presse, kulturellem Leben, Kirchen usw.) das Wort gegeben werden.“

Wie in Köln als historisch katholisch geprägter, allerdings auch bürgerlich-liberaler Stadt kaum anders vorstellbar, wurde in Vorträgen und Diskussionen wiederholt das Verhältnis zwischen Katholischer Kirche und Freimaurerei aufgegriffen. Prominente katholische Referenten, die wir bald unsere Freunde nennen durften, waren die Professoren Herbert Vorgrimler und Karl Hoheisel sowie Pater Alois Kehl, unser Wegbegleiter und Freund durch viele Jahrzehnte hindurch.

Mit der Öffnung zur Zeit verband sich stets auch die Öffnung zur Kultur: Künstler musizier­ten im Tempel, im Bankettsaal fanden Konzerte junger Sänger und Instrumentalisten statt, Brüder und Schwestern besuchten gemeinsam Opern und Schauspiele.

Viele gute brüderliche Erfahrungen hat die Loge „Ver Sacrum“ mit ihren zahlreichen Kon­takten zu anderen Logen im In- und Ausland gemacht. Gewiss, nicht alle davon hatten Bestand, einige sind inzwischen abgerissen, andere, die unterbrochen waren, wurden wiederangeknüpft.

Was jeden Bruder unserer Loge als Form gelungener Freimaurerei erfreut, ist die seit vielen Jahren praktizierte Zusammenarbeit mit der Kölner Frauenloge „Sci Viam“. Hier hat sich eine völlig entspannte Gemeinsamkeit entwickelt, die Modellcharakter für ein inspirierendes Miteinander „männlicher“ und „weiblicher“ Freimaurerei in Deutschland hat, weil sie Offenheit füreinander und Lernen voneinander mit dem gleichzeitigen Einhalten vernünftiger Grenzen verbindet.

Dass Arbeit und Bruderkreis der Loge „Ver Sacrum“ innerhalb der deutschen Freimaurerei beachtliche Resonanz fanden, zeigt die Berufung vieler „Ver Sacrum“-Brüder in Distriktslogen- und Großlogenämter sowie in Leitungsfunktionen bei der Forschungsloge „Quatuor Coronati“.

Auch den karitativen Verpflichtungen der Freimaurerei hat sich die Loge „Ver Sacrum“ gestellt, und zwar mit der aus brüderlicher und schwesterlicher Spendenbereitschaft hervorge­gangenen „Habicht-Schultheis-Stiftung“. Die gemeinnützige Stiftung hat sowohl Brüdern in materieller Bedrängnis geholfen als auch mannigfaltige Unterstützung gewährt, wenn es galt, außerhalb der Loge Not zu lindern, Jugendlichen in ihrer Entwicklung beizustehen, Obdachlosen zu helfen und Projekte in der Dritten Welt, zuletzt vor allem in Afrika, zu fördern.

Die Bruderschaft der Loge „Ver Sacrum“ – so lautet die Bilanz, die wir heute ziehen dürfen – hat auf vielfältige Weise versucht, der unverzichtbaren Einheit der drei Säulen des frei­maurerischen Tempels – Weisheit, Stärke und Schönheit – gerecht zu werden:

  • Weisheit als wertbezogener Vernunft, intellektueller Klarheit und Redlichkeit der geistigen Vermittlung;
  • Stärke als Tatkraft, als das konstruktive Vermögen, Ideen auch umzusetzen und
  • Schönheit als Gestaltungsprinzip, das ausgehend vom Ästhetischen, von der apollini-sche Dimension, hinüber reicht in Lebenskunst und Lebenskultur, worin sich ja Freimaurerei – wenn sie gelingt – als „Königliche Kunst“ vollendet.

Dass die Loge „Ver Sacrum“ mit Stolz, Freude und Bereitschaft zu weiterem Aufbruch auf die ersten siebzig Jahre ihres Bestehens zurückblickt, bedeutet nun freilich nicht, dass die Bruderschaft in jeder Phase ihres Bestehens den von ihren Gründern definierten anspruchsvollen Maßstäben vollständig hätte genügen können. Nicht alle Blütenträume konnten reifen. Von den Problemen, die für die Entwicklung vieler Gruppen in modernen (oder „postmodernen“) Gesellschaften kennzeichnend sind – abnehmende Bindungsbereitschaft der Menschen insbesondere -, blieb auch die Loge „Ver Sacrum“ nicht verschont. Auch wäre es unrealistisch anzunehmen, dass nicht auch Gruppen und ihre Leiter ihre „Durchhänger“ hätten. So gilt das Symbol des „rauhen Steins“ nicht nur für den einzelnen Maurer, sondern auch für freimaurerische Gemeinschaften, und die delphische Aufforderung „erkenne dich selbst“ ist gleichermaßen ein individueller wie ein gruppenspezifischer Appell. Doch das Ausmaß an gelungener Freimaurerei seit Gründung der Loge und die Wirkungskraft des in der Vergangenheit erarbeiteten Logenprofils erwiesen sich stets als gutes Fundament für zukünftiges Wirken, vor allem, weil sie für jene Identität bürgen, aus der heraus die Loge sich entwickelt hat und weiter entwickeln kann. Dass wir unserem Bund heute einen weiteren „freien Mann von gutem Ruf“ als Bruder zuführen konnten, ist ein überzeugender Ausdruck dafür!

Freimaurerei als Gemeinschaft brüderlich verbundener Menschen, Freimaurerei als System ethischer Werte und Überzeugungen, Freimaurerei als Symbolbund: Dies zusammen macht Reichtum und Wesen der freimaurerischen Überlieferung aus und umschreibt auch das Funda­ment der Loge „Ver Sacrum“.

Die Brüder wissen, dass es dabei nicht um eine flächendeckende Programmatik geht oder gar um politischen Aktionismus. Die Radikalität des Freimaurers, so es denn eine gibt, ist eine stille Radikalität der Redlichkeit in die Tiefe der eigenen Seele.

Die Brüder wissen auch, dass Freimaurerei von ihren Inhalten lebt und nicht von Gruppeninteressen und obsolet gewordenen Verhaltensregeln, nicht von den Strukturen einer überholten, dysfunktionalen „Zweiten Freimaurerei“, die die eigentliche Freimaurerei des humanitären Denkens und Handelns, auf die allein es ankommt, überlagert und in den Hintergrund drängt.

Nein, meine Brüder, eine solche Freimaurerei wollen die Brüder der Loge „Ver Sacrum“ nicht!  

Doch eine Freimaurerei im eigentlichen Sinne, eine Freimaurerei der humanistischen Werte und Überzeugungen, eine Freimaurerei des freien Gedankens und des offenen Wortes, schließlich eine Freimaurerei der humanitären Praxis – für eine solche Freimaurerei wollen wir uns einsetzen und dabei helfen, sie lebendig zu halten und hineinwirken zu lassen in die Gegenwart – engagiert und ehrlich, ohne Kleinmut, aber auch ohne Überheblichkeit.

Hierin sehen wir unseren Auftrag, den Auftrag einer Loge, die sich die Geschichte eines Frühlings zum Gründungsmythos gewählt hat, zum Mythos, den die Legende als „heiligen Frühling“, als „Ver Sacrum“ überliefert hat. Und wenn „Frühling“ dabei den ständigen Ansporn zum Aufbruch meint, den Schwung auch, den man bei der Arbeit braucht, um durchzuhalten, sowie eine gehörige Portion rheinischer Heiterkeit, die immer hilft, um falschem Tiefsinn zu entgehen, dann mag das „heilig“ für die Ernsthaftigkeit und die verantwortungsbewusste Rückgebundenheit dieses Auftrags stehen.

Wir wollen unseren Beitrag zum Ringen um eine bessere Welt leisten, denn unsere Überzeugungen und Symbole fordern uns dazu auf. Dazu kommen muss freilich stets jener „unentmutigte Starrsinn“, der – so der Schriftsteller Siegfried Lenz anlässlich der Verleihung des Literaturpreises deutscher Freimaurer an ihn – „auch angesichts großer Wirkungslosigkeit nicht auf­hört, seine Fragen an die Welt zu stellen. Die alten Symbole Winkelmaß, Wasserwaage und Senkblei“ – so schloss Siegfried Lenz damals seine Dankesrede, und so schließe ich heute auch – „zeugen von der Beharrlichkeit ei­ner Hoffnung, die sich durch nichts widerlegt sehen will: Vor der etablierten Ungerechtigkeit nach Gerechtigkeit zu verlangen, in Zeiten der Ungleichheit Gleichheit zu fordern, angesichts tätiger Feindseligkeit geduldig zur Brüderlichkeit zu überreden.“

Quelle: https://freimaurerei.de/70-jahre-loge-ver-sacrum-bilanz-und-auftrag/

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